SEX SEX SEX!
Ich habe mich vor Kurzem erst mit Martin getroffen; einem Freund, den ich schon längere Zeit nicht gesehen hatte. Martin ist ebenfalls schwul und obwohl er eine Zeit lang äußerst anzüglich mir gegenüber war, bin ich nie darauf eingegangen. Der Grund: Martin ist jedem gegenüber äußerst anzüglich und man fühlt sich nicht wirklich besonders, wenn man von ihm angeflirtet wird. Leider bringt diese Promiskuität auch viele Nachteile mit sich. Was Martin zum Beispiel nicht weiß, ist, dass extrem erotische Nacktbilder von ihm, die er selbst einigen seiner Flirts geschickt hat, mittlerweile in meinem erweiterten Freundeskreis die Runde machen; sie werden herumgezeigt, wie alte Frauen Bilder ihrer Enkel herumzeigen und selbst, wenn man sie gar nicht sehen möchte, werden sie einem wohl früher oder später doch unterkommen. Im Gegensatz zu mir lebt Martin seine Sexualität in sehr sehr vollen Zügen aus und hat wohl bereits Geschlechtsverkehr mit dem Großteil meines schwulen Freundeskreises gehabt, was uns dazu gebracht hat, ihm den liebevollen Spitznamen „Nympho-Martin“ zu geben. Warum also bin ich dann mit ihm befreundet?, fragt sich vielleicht der ein oder andere. Martin ist einfach ein äußerst netter und witziger Mensch und obwohl er sehr gerne aus dem sexuellen Nähkästchen plaudert (man möge sich eine homosexuelle Samantha Jones in jungen Jahren vorstellen), ist es immerhin seine Sache, wie er seine Abende verbringt. Die einen (also ich) bleiben nunmal zuhause und schauen „Mamma Mia!“, im Karaoke-Modus, damit sie bei allen Liedern leidenschaftlich mitsingen können, während die anderen (also Martin) auf Sexdates gehen. Ich urteile nicht.
Gemeinsam gingen Martin und ich an jenem Tag also in ein italienisches Café, um uns gegenseitig darüber zu informieren, was sich in den vergangenen Monaten in unseren Leben getan hatte. Zuerst sprachen wir über das Studium, dann über die Familie und dann über Reisen, bevor wir schließlich zu dem unvermeidlichen Thema „Liebe und Sex“ kamen. Mit Personen wie Martin spreche ich ungern über diese Dinge, da ich immer das Gefühl habe, wie ein kompletter Loser rüberzukommen. Unverweigerlich würde mir mein Gegenüber von einem ausgefallenen Spontan-Gangbang in einem feuchten, verwahrlosten Weinkeller erzählen, während ich lediglich zu berichten wusste, dass mich letztens ein ziemlich süßer Typ auf der Straße angerempelt hatte. Diesmal sollte Martins Erzählung jedoch ein wenig harmloser ausfallen.
„Ich habe jetzt einen Freund, Michael!“, sagte er mir zufrieden und ich fing sofort an, begeistert für ihn zu jubeln. Augenblicklich verlangte ich nach mehreren Infos über das erste Kennenlernen, die Beziehung an sich und insbesondere natürlich den neuen Mann im Leben meines Freundes. Martin erzählte mir lächelnd jedes Detail seiner frischen Bindung und ich freute mich ehrlich, dass er endlich einen Mann gefunden hatte, mit dem er mehr als nur eine Nacht verbringen konnte. „Weißt du,“ fing er schließlich an „ich bin so erleichtert, dass ich jetzt nicht mehr herumschlafen muss.“
Ich weiß nicht, warum, aber diese Aussage klang in meinen Ohren so traurig, dass ich augenblicklich anfing, Mitleid mit Martin zu haben. Diese Formulierung: er „musste“ herumschlafen. Ich bekam den Eindruck, als wäre mein Freund doch nicht so glücklich mit seinem Lebensstil gewesen, wie er immer vorzugeben wusste. All die Jahre kam ich mir wie ein armer, ungeliebter Junge vor, während mir Martin triumphal von seinen neuesten Liebschaften erzählte. Nun bekam ich jedoch den Eindruck, als wäre es genau umgekehrt gewesen; als wäre mein umtriebiger Freund insgeheim die ganze Zeit lang der Arme gewesen, da er das Gefühl empfand, von Bett zu Bett wandern zu müssen, um geliebt zu werden. Diese Vorstellung fand ich äußerst deprimierend und ich war froh darüber, dass ich in jener Hinsicht definitiv anders war.
Als ich von meiner kleinen burgenländischen Ortschaft nach Wien gezogen bin, war ich noch ziemlich grün hinter den Ohren. Als 18jähriger, leicht naiver Junge, der selbst am Land jahrelang als Außenseiter galt, zeigte ich mich überrascht von den sozialen Normen der großstädtischen Partycrowd und den Unterschieden, die ich zu meiner Heimat bemerkte. Während in Eisenstadt die Feierlichkeiten meist schon um 22 Uhr voll im Gange waren, wurde mir in Wien geraten, nicht vor 1 Uhr auf einer Party zu erscheinen. Tat ich in Eisenstadt vor versammelter Runde laut meiner Müdigkeit kund, so wurde mir meist aufrichtig geraten, entweder Red Bull zu trinken oder eben nach Hause zu fahren. In Wien wurde mir Koks angeboten.
Größte Verwirrung zeigte sich bei mir jedoch insbesondere, als ich den ersten Vorgeschmack auf die wirre Wiener Schwulenszene bekam. Viele meiner städtischen Freunde fragten mich, ob ich denn am Land je Kontakt mit Schwulen gehabt hätte, da es dort ja sicherlich so gut wie gar keine Homosexuellen geben musste. Das ist eine freche Unterstellung; es gibt, wie fast überall auf der Welt, sehr wohl eine umfangreiche homosexuelle Community am Land, doch die meisten ihrer Mitglieder leben im Gegensatz zu Stadtschwulen eher verborgen und tun vor ihren Freunden gezwungenermaßen leider oft so, als wären sie heterosexuelle Männer, die eben eine geheime Vorliebe für Jazzdance hegen. Nur in Gegenwart von Gleichgesinnten geben sie sich so, wie sie wirklich sind. So brachte ich über die Jahre sehr viele Geheimnisse über die verborgenen sexuellen Vorlieben meiner Mitmenschen in Erfahrung, schwieg jedoch stets wie ein Grab, denn immerhin ist das Outing etwas, was jeder Person selbst überlassen bleiben sollte. Ich wage zu behaupten, dass ich wohl die meisten Schwulen in meiner Kleinstadt kannte. Untereinander wussten wir natürlich alle, wer schwul war und wer nicht (man merkt es einfach, dank eines Sensors, den ich liebevoll „Gaydar“ nenne) und hatten ab und zu unseren Spaß miteinander. Es war süß und intim; eine Zeit, an die ich sehr gerne zurückdenke.
Als Außenstehender möchte man also vielleicht denken, dass die Wiener Schwulenszene im Vergleich dazu doch riesig groß sein musste und man darin schnell den Überblick verlieren konnte. Das ist sie auf den ersten Blick tatsächlich auch, doch diese Community ist bei genauerem Hinsehen ebenfalls so verknüpft, dass darin mehr oder weniger jeder jeden kennt - nicht anders, als in Eisenstadt. Im Gegensatz zur Kleinstadt gibt es hier allerdings keine Geheimnistuerei: in regelmäßigen Abständen werden zum Beispiel Schwulenclubbings (mit ansprechenden Titeln wie „Meat Market“ und „FSK“) veranstaltet - nach einem Jahr als Stammbesucher kann ich jedoch behaupten: Wer eines dieser Clubbings kennt, kennt sie leider alle. Hier gehen Männer meist dann hin, wenn sie einen One-Night-Stand suchen. Erst trinkt man einen Cocktail, dann wird eng umschlungen getanzt und irgendwann verschwindet man gemeinsam nach Hause. Ich finde es supertoll, wenn es Leute gibt, die zufrieden mit diesem Lebensstil sind und ihren Spaß daran haben. Genau so, wie ich es toll finde, wenn Leute eine Vokuhila-Frisur tragen und sich damit nicht wie Idioten vorkommen. Schön für sie! Ich selbst habe mich in dieser Hinsicht jedoch meist zurückgehalten - und nicht nur deswegen, weil ich nach Fleischmarkt-Maßstäben nicht unbedingt als „heißbegehrt“ gelte (ich kann sogar mehrere Momente aufzählen, in denen attraktive Menschen einfach in mich reingerannt sind, weil sie mich „nicht gesehen“ haben).
Das ein oder andere Mal jedoch haben gewisse Männer (sind wir uns ehrlich: betrunkene Männer) aber doch probiert, mich für eine gemeinsame Nacht zu begeistern. Wie erwähnt, bin ich absolut kein Freund von One-Night-Stands, muss jedoch gestehen, dass ich oft diabolischen Spaß daran hatte, solche Angebote zurückzuweisen. An einem besonders ereignisreichen Abend befand ich mich in der Gesellschaft zweier Typen, die mich mehr oder weniger um die Wette auf alkoholische Getränke einluden; vermutlich in der Hoffnung, ich würde irgendwann endlich sturzbetrunken sein und ihnen ihre schmutzigsten Träume erfüllen. Diese Stadtmenschen hatten die Rechnung leider ohne meinem ländlichen Alkoholkonsum gemacht - da es oft total langweilig sein kann, in Kleinstädten wie Eisenstadt auszugehen, bedarf es eines hohen Alkoholspiegels, um wenigstens ein bisschen Spaß zu empfinden. So konsumierte ich ohne mit der Wimper zu zucken ein gesponsertes Getränk nach dem anderen, verabschiedete mich nach einiger Zeit dankend und nahm ein Taxi nach Hause, wo ich alleine noch das ein oder andere Gläschen Rotwein konsumierte, während ich laut darüber lachte, wie gefinkelt ich diese Männer doch ausgetrickst hatte.
Ich weiß gar nicht, warum ich von One-Night-Stands so sehr abgeneigt bin. Ich finde die Vorstellung irgendwie ein bisschen traurig. Meiner Meinung nach möchte am Ende des Tages doch jeder Mensch etwas besonderes sein und (so schmalzig es auch klingt) geliebt werden - in Fällen von One-Night-Stands jedoch geht es eben nur um Sex und es ist in etwa so, als würde man bei der Masturbation die Hand durch einen Mann ersetzen, den man am nächsten Morgen mit einer schnell erfundenen Entschuldigung wieder nach Hause schickt. Sicher kann das eine gute Abhilfe gegen spontane Erregung sein, doch wird auf Dauer wohl ein wenig frustrierend und traurig. Vielleicht liegt meine Abneigung auch daran, dass ich ziemlich früh eine fragwürdige Erfahrung in Wien gemacht hatte.
Es war eines der ersten Male, dass ich nachts mit Freunden in der Großstadt aus war. Wir gingen in einen Club am Gürtel, wo ein Bandwettbewerb abgehalten wurde. Gemeinsam mit meinen Freundinnen hatte ich ein wenig Spaß auf der Tanzfläche, als plötzlich ein merkwürdiger Typ zu uns kam und mich fragte, ob ich eine Zigarette hatte. Ich muss zugeben, dass er nicht unattraktiv war - und ich hatte tatsächlich eine Zigarette! Da ich mir aber ziemlich sicher war, dass er hetero sein musste, erklärte ich dem Typen, dass eine meiner Freundinnen ihm auf alle Fälle mit seinem Problem weiterhelfen konnte. Doch auch während er genüsslich rauchte, wollte er nicht von meiner Seite weichen, bis er sich schließlich zu mir vorlehnte und mir etwas zuflüsterte. „Möchtest du vielleicht wo anders mit mir hingehen?“, hauchte er ziemlich direkt, aber dennoch verführerisch in mein Ohr. Wow! Ich war wirklich überrascht - nicht nur darüber, dass mich mein Gaydar diesmal getäuscht hatte, sondern auch deswegen, weil ich vor gerade mal 10 Minuten in diese Bar gekommen war und schon einen gut aussehenden Typen zum Rummachen gefunden hatte. Strike! „Michael Buchinger hat es eben doch drauf!“, dachte ich mir (fälschlicherweise), als ich still und heimlich mit ihm aus dem Lokal verschwand.
Auf der Straße angekommen, gingen wir eine Runde um den Block und unterhielten uns. „Du musst vollkommen diskret sein!“, erinnerte er mich nochmals. „Wenn du mich in Zukunft mal auf der Straße siehst, darfst du mich nicht ansprechen!“. Ich war ein bisschen verwirrt. Noch nie hatte ich einen Typen erlebt, der aufgrund seiner Sexualität und ein bisschen knutschen so paranoid wurde, aber ich willigte einfach ein, ihn auf keinen Fall anzusprechen.
Was dann geschah, fand ich eigenartig: Wir hielten bei einem Wohnhaus, wo mein Begleiter wahllos bei verschiedenen Türnummern anläutete. Wie konnte er nur? Es war doch 3 Uhr früh! Als sich endlich eine verschlafene Stimme meldete, sagte er ganz nonchalant „Lassen Sie uns bitte rein!“ und führte mich an seiner Hand in den Innenhof das Gebäudes, wo wir inmitten von Gebüschen stehen blieben.
Ich möchte hier nicht allzu sehr ins Detail gehen - ich schreibe ja immerhin keinen Erotikroman - aber nach einer Zeit des zärtlichen Küssens wurde die Sache ein wenig „grober“, womit ich nicht unbedingt einverstanden war. In den folgenden Momenten dachte ich sogar, er hätte ein Snack-Würstchen aus seiner Tasche geholt, damit wir in jenem Innenhof ein Picknick unter dem Sternenhimmel machen konnten, bis mir schließlich dämmerte, was ich da gerade unabsichtlich im Dunkeln berührt hatte.
„Oh nein“, sagte ich, „ich möchte wirklich nicht!“. Was dachte er denn von mir? Ich kannte noch nicht mal den Namen dieses Typen, geschweige denn seine Krankengeschichte. Außerdem war ich eben einfach nicht der Typ, der Spaß an solchen Geschichten hatte. Eine heiße Nummer in einem Gebüsch? Wirklich? Ich handle zwar nicht immer mit sehr viel Klasse (habt ihr das Video gesehen, wo ich von meinem dritten Nippel singe?), aber jene Vorstellung wirkte selbst auf mich ein wenig billig. Musste ich mich wirklich in solch degradierende Szenarien begeben, wenn ich als schwuler Mann meinen Spaß haben wollte? Gab es nicht auch normale Wege und bequemere Schauplätze, um Sexualpartner kennen zu lernen? Es schien mir wir ein unpassender Moment, um große Lebensentscheidungen zu treffen, aber ich beschloss in jener Nacht, in jenem Innenhof, dass ich nie so tief sinken würde.
Dieser Beschluss war schön und gut, aber leider hatte ich das Gefühl, als befände ich mich gerade in einer Falle, aus der es nun kein Entkommen mehr gab. Mein Gegenüber wurde nach und nach immer leidenschaftlicher und aggressiver - er hielt mich mittlerweile sogar an meinen Schultern fest und versuchte, mich zu Boden zu bringen.
Ich bin so froh, dass ich in jenem Moment einen eigentlich ziemlich grenzgenialen Einfall hatte. Ich hörte auf, nachzugeben, setzte einen verführerischen Blick auf und sank langsam zu Boden, wo ich insgeheim nur versuchte, selbst jeglichen Blickkontakt mit seinem Penis zu vermeiden. Langsam zog ich seine Hose und die Boxershort bis zu seinen Knöcheln nach unten. Nun, da seine Genitalien gänzlich entblößt waren, merkte ich (und sah ich), wie sehr es meinem Gegenüber nach Verkehr lüstete, denn sobald ich scheinbar „eingewilligt“ hatte und unserem Koitus damit eigentlich nichts mehr im Wege stand, war er sanfter geworden und auch sein packender Griff hatte sich endlich gelöst. Ich nutzte jenen ruhigen Moment, um wieder aufzuspringen. Bevor er wusste, wie ihm geschah, rannte ich aus dem Innenhof und auf die Straße hinaus, schlug die Tür hinter mir zu und ließ den Typen mit zerplatzten Träumen und einem kolossalen Ständer im Gebüsch zurück. Was wollte er denn tun? Mir mit heruntergelassener Hose hinterherlaufen? Ziemlich erleichtert trabte ich zurück ins Lokal, wo ich mich wieder bei meinen Freundinnen auf der Tanzfläche einfand. Ich tat so, als wäre nichts geschehen, war aber trotz meines leicht verstörenden Erlebnisses irrsinnig froh über die Entscheidung, die ich an jenem Abend getroffen hatte.
Jedoch fällt mir immer mehr auf, dass ich aufgrund meiner Einstellung, die ich doch ziemlich vehement vertrete, immer mehr auf Kritik in meinem schwulen Freundeskreis stoße. Ich sei unnahbar und wählerisch, weil ich mich selten auf leichtsinnige Liebschaften einlasse. Hier kommen natürlich einige Selbstzweifel in mir auf, denn wenn meine Freunde mich kritisieren, nehme ich mir das zu Herzen. Bin ich etwa verklemmt, weil ich in meinem Alter nicht herumschlafe? Bin ich ein konservativer Idiot, weil ich keinen Sex ganz ohne Gefühle (oder zumindest den Vor- und Nachnamen meines Geschlechtspartners) haben möchte?
Irgendwie kommt es mir leider so vor, als würden die Begriffe „Homosexualität“ und „Promiskuität“ oft Hand in Hand gehen. Sprich: Wer schwul ist, muss, sobald er einen anderen Schwulen trifft, früher oder später auch mit diesem ins Bett steigen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Dies trifft auf viele Leute aus der Szene aber durchaus zu und kommt mir manchmal wie eine Art von Kompensation des jahrelangen Mobbings und Außenseitertums, das viele Schwule in ihren Jugendjahren erleben, vor - so als müssten sie das seelische Loch, das dadurch im Laufe der Jahre entstanden ist, durch so viel Sex wie möglich wieder auffüllen. Spaß am Sex ist schön und gut, aber in vielen Fällen kommt mir diese Sucht nach Intimität ziemlich armselig und deprimierend vor; als würde es im Endeffekt vielmehr um ein seelisches, als um ein körperliches Verlangen gehen. Ich beobachte das bei vielen meiner Freunde und empfinde insgeheim Mitleid, doch bin gleichermaßen ein wenig erleichtert, denn ich persönlich habe eigentlich kein seelisches Loch, das es zu füllen gilt. Auch meine anderen Löcher müssen nicht unbedingt augenblicklich gefüllt werden (obwohl das ab und zu ganz nett ist).
Leider finde ich, dass sich diese „freie Liebe“, die viele betreiben, negativ auf das Image von Homosexuellen auswirkt, sodass viele Leute einfach annehmen, dass wir uns alle einfach in regelmäßigen Abständen miteinander treffen und Sex haben. Ich erzählte meiner entfernten Freundin Barbara, die es total aufregend findet, dass ich „andersrum“ bin, zum Beispiel unlängst am Telefon davon, dass ein guter Freund von mir, der ebenfalls schwul ist, später an jenem Tag zu mir zu Besuch kommen würde - gemeinsam wollten wir uns einen Film ansehen.
„Aha, einen Film ansehen also!“, sagte Barbara lachend und ich konnte förmlich hören, wie sie wild mit den Augen zwinkerte, um zu implizieren, dass wir vermutlich Sex am Balkon haben würden.
„Nein, Barbara, wir schauen uns wirklich nur einen Film an.“, entgegnete ich ernst.
„Ja genau. Einen Film…“, sagte meine Freundin, wieder mit der zwinkernden Stimme.
Es ging eine Zeit lang so hin und her, bis ich Barbara endlich eintrichtern konnte, dass ich mit diesem Typen nur befreundet war und ich es ziemlich nervig fand, dass sie bei zwei schwulen Kumpels, die alleine in einem Raum waren, sofort an Sex dachte.
Ähnlich verhält es sich, wenn mir meine Freunde ganz aufgeregt erzählen, dass sie letztens einen Schwulen getroffen haben, den sie mir unbedingt vorstellen müssen. Wenn ich frage, warum sie das tun müssen, sagen sie meist nur „Naja, ihr seid beide schwul“. Vermutlich glauben sie dann, dass wir uns auf „Schwul“ (eine Sprache, die wir entwickelt haben, damit uns die Heterosexuellen nicht verstehen können) unterhalten, bevor wir unserer Begierde nacheinander auf dem Boden freien Lauf lassen.
Das stört mich und ich verstehe es auch nicht, dass viele Leute es vollkommen normal finden, ja sogar applaudieren, wenn mein Freund Martin jede Woche mit einem anderen Typen Sex hat. Sehen wir es so: Wenn ein Mädchen in seinem Alter jede Woche Sex mit unterschiedlichen Männern hat, wäre „Schlampe“ noch der harmloseste Begriff, der über sie fallen würde. Wenn ein schwuler Mann das aber tut, ist es nicht weiter schlimm, denn er ist ja immerhin schwul und genießt seine Freiheit. Das finde ich nicht fair.
Ich beobachtete Martin genau, während er mir vor seinem neuen Freund erzählt und merkte, wie seine Augen dabei funkelten. Zu lange hatte ich ihn dabei beobachtet, wie er ohne Unterlass die Zuneigung eines jeden schwulen Mannes in seiner Umgebung suchte (selbst von mir. DAS nenne ich Verzweiflung) und hatte nie bemerkt, wie traurig er bei der Schilderung seiner sexuellen Eskapaden eigentlich immer aussah. Ich war nie auf die Idee gekommen, dass sich hinter diesem Typen mit einem abnormalen Verlangen nach regelmäßigem, ausgefallenen Sex vielleicht einfach nur ein Junge verbarg, der sich - wie so viele andere auch - nach einem besonderen Menschen in seinem Leben sehnte, der ihm auch einfach so Zuneigung schenken konnte. Für meinen Freund sah es so aus, als wäre ihm dieser Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen. Ich wünsche ihm wirklich, dass er glücklich wird (bis dahin warte ich übrigens auf den perfekten Augenblick dafür, ihm zu offenbaren, dass halb Wien seine Nacktbilder kennt. Wirklich, wenn ihr sonst nichts von diesem Artikel mitnehmt, dann bitte das: macht nie Nacktbilder von euch selbst. Jeder wird sie sehen. JEDER!).
Der langsame Auftieg und rasante Fall des Michael Buchinger (feat. Money Boy)
Es war an einem lauen Oktobertag, als ich mit meiner guten Freundin Steffi einen Spaziergang durch den ersten Bezirk Wiens unternahm. Es war gerade noch warm genug, um ohne Jacke das Haus verlassen zu können und wir wollten die Chance nutzen, um auch die letzten Sonnenstrahlen des Jahres noch ausgiebig zu genießen.
Gerade, als wir uns durch die Seitengassen der Kärntnerstraße geschlängelt hatten (ich versuche generell, die Kärntnerstraße zu vermeiden, da ich Menschenmassen nicht ausstehen kann und mir diese Straßenkünstler, die lebende Statuen darstellen sollen, ziemlich Angst machen) und bei der Albertina angekommen waren, drehte sich Steffi mit einem fragenden Blick zu mir um: „Findest du nicht, dass es alles ein bisschen viel ist?“.
Im ersten Moment war ich ein wenig verwirrt und vermutete etwa, dass ich Steffi mit meinem wilden Spaziergang überfordert hatte und sie lieber bei mir zuhause sitzen und Mühle spielen wollte, doch dann fiel mir ein, dass sie vielleicht nicht die momentane Situation, sondern die Gesamtsituation meinte. Sie muss meine innerliche Verwirrung erkannt haben, denn sie erläuterte: „Ich meine den Umzug nach Wien, das Studium, die generelle Umstellung. Wir sollen gute Noten bringen, ein neues Zuhause aufbauen, neue Freunde finden, uns an das Großstadtleben anpassen,…“
Ich bin selten ein Mensch, der auf die vergangene Zeit zurückblickt und sagt „Potzblitz, was ich in letzter Zeit nich alles vollbracht habe!“, aber ich verstand in diesem Fall sehr gut, was Steffi meinte. Allein in den letzten Monaten hatte ich meinen Hochschulabschluss erhalten, hatte mein inniges Elternhause verlassen und war alleine in eine Wohnung gezogen, hatte einen neuen Freundeskreis aufgebaut, war eine Beziehung eingegangen, hatte zu studieren begonnen und war zwischendurch irgendwie von „dem merkwürdigen Kind, das ab und zu auf der Straße beschimpft wird“ zu „das merkwürdige Kind, das immer öfter im Internet beschimpft wird“ avanciert. Doch nicht nur das: Schon in der nächsten Woche hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei einer großen österreichischen Bank, um eine mögliche Werbekampagne zu besprechen. Ich, Michael Buchinger - der Junge, der nach einem Blick auf seinen Kontostand stolz herum posaunte, wie gut er nicht allein von seinen Zinsen leben konnte, bis man ihm offenbarte, dass sein Vater monatlich auf sein Konto einzahlte -, als Werbefigur für eine Bank! Es war surreal. Doch wenn alles gut ging, würde ich schon bald den absoluten Dreifachjackpot - Erfolg im Studium, Glück in der Liebe und eine kleine Karriere nebenbei - in der Tasche haben. Ich konnte nicht glücklicher sein!
„Ja“, sagte ich zu Steffi, „es ist schon alles ein bisschen viel, aber ich bin äußerst überrascht, wie gut wir das alles hinbekommen haben. Sicher, es war eine große Umstellung, von zuhause auszuziehen, aber ich finde, wir machen das ganz gut! Wir sind jetzt richtige Erwachsene!“. Und wie in einer griechischen Komödie fing, sobald diese Worte meinen Mund verlassen hatten, irgendwie alles zu zerbröckeln an.
Am darauffolgenden Montagmorgen schlug ich die Tür des Taxis zu und eilte hastig durch die Lobby des Banktowers, wo ich mir von einem Mann im Anzug ein Schild mit der Aufschrift „Besucher“ an meinen Blazer anbringen ließ. Ich wollte seriös wirken und dennoch einen ausgefallenen Eindruck machen (denn immerhin war man sicher nicht auf mich aufmerksam geworden, weil ich so normal war und in meiner Freizeit gerne strickte), deswegen trug ich einen roten Blazer, dunkelblaue Skinny Jeans und schwarze Doc Martens. Der Mann sagte mir, ich solle mit dem Aufzug in den 11. Stock fahren und vor der verschlossenen Tür warten, bis ich hereingebeten wurde. Ich kam mir vor wie bei einer Geheimgesellschaft und wollte schon fragen, ob er mir nicht auch den geheimen Handschlag beibringen könne, entschied mich dann jedoch dagegen. Ich dankte ihm und tat, was er gesagt hatte. Im 11. Stock angekommen, wurde ich in eine große, helle Kantine geführt, durch deren mehrstöckiges Glasfenster man kilometerweit über Wien sehen konnte. Ich sah, dass alle anderen Männer in der Kantine schwarze Blazer trugen und musste schmunzeln.
Ein Assistent fragte mich, ob ich gerne etwas trinken würde und ich verlangte nach Leitungswasser. Das war eine freche Lüge; ich wollte kein Leitungswasser, da ich viel zu nervös war, um zu trinken. Was, wenn ich das Wasser unabsichtlich über meinen Schritt oder - noch schlimmer - den Schritt meines Gegenübers leerte? Oder es zu hastig trank und mich daraufhin in das Glas übergab? Alles schon vorgekommen. Ich hatte jedoch gelesen, dass man bei Vorstellungsgesprächen die Frage nach Getränkewünschen nie verneinen sollte (ich weiß ehrlich nicht warum; es macht wohl einen schlechten Eindruck, so als würde man sagen „Nein danke, ich will ihr dreckiges Wasser nicht!“) und so verlangte ich nach Wasser, das ich jedoch - aus soeben genannten Gründen - vollkommen unbeachtet ließ.
Ich will hier nicht zu sehr ins langweilige Detail meines Business-Gespräches gehen, aber einen kleinen pikanten Happen daraus möchte ich an dieser Stelle niemandem vorenthalten. Man sagte allen Ernstes zu mir: „Wir wussten nicht recht, wen wir für die Kampagne haben wollten. Am Ende schwankte die Entscheidung zwischen dir und Money Boy. Aber wir haben dann doch dich kontaktiert.“ Ich nickte verständnisvoll und verzog dabei nicht einmal ansatzweise die Miene, doch innerlich wollte ich laut schreien und lachen und nebenbei eine Massen-Mail an all meine Freunde versenden. Man hatte mich Money Boy vorgezogen! Das hatte mir nicht nur den ganzen Tag, sondern sogar die ganze Woche versüßt. Nachdem ich mit den üblichen Floskeln wie „Danke für dein Kommen!“ und „Wir melden uns bei dir!“ verabschiedet wurde, stieg ich mit einem Lächeln in den Aufzug und fuhr zurück in die Lobby. Ich hatte ein wirklich, wirklich gutes Gefühl.
Wenige Monate später lag ich in meinem Bett und alles war schrecklich. Nicht nur, dass sich die Bank nie wieder gemeldet hatte (hatten sie sich etwa doch für Money Boy entschieden? Und dabei hatte ich gar nicht ins Glas gekotzt!); nach unzähligen Vorlesungen und der Lektüre eines riesigen Stapels an Theater-Texten, die mich allesamt so sehr interessierten, dass ich anfing, Kraniche daraus zu basteln, beschloss ich, dass mein Studium der Theaterwissenschaft vielleicht doch nicht so ganz zu mir passte und beendete es schwermütig - angesichts meiner lieb gewonnenen Studienkollegen -, bevor ich mich durch weitere Semester quälte. Auch meine Beziehung war in den vergangenen Wochen leise aber doch zu Ende gegangen - zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wie ein einziger, großer Reinfall. Klar, es waren absolute Wohlstandswehwehchen - so arm war ich nicht dran, denn ich hatte immer noch eine warme Wohnung, Essen und genug Geld, um mir ab und an eine Flasche Rotwein und eine Schachtel Pralinen zu gönnen (oh, und ob ich das getan habe!), aber es störte mich einfach, dass ich, sobald ich einmal völlig auf mich allein gestellt war, innerhalb von wenigen Monaten im derartig großen Stil versagt hatte, dass ich studienlos, arbeitslos und einsam im Bett lag und von unzähligen Theaterwissenschaft-Kranichen umgeben war. Ich war natürlich selbst Schuld an meinem Debakel, doch suchte nach Entschuldigungen für meinen Untergang. So wurde ich grundlos wütend auf (wie sollte es anders sein) unsere Gesellschaft: Spätestens seit „Glee“ im Fernsehen kommt, reicht es nicht mehr, wenn wir halbwegs gut in der Schule sind und irgendwann unseren Abschluss haben. Nein, nein, nein! Wir müssen jetzt alle einen „Traum“ haben; ein Ziel, das wir solange verfolgen, bis wir es endlich erreicht haben. Einfacher Angestellter werden ist nicht mehr cool; wir müssen etwas Wunderbares und Individuelles mit unserem Leben anfangen und glücklich dabei sein und es wäre total hilfreich, wenn wir am Ende auch noch ein schönes Lied darüber singen könnten. Ich dagegen war absolut planlos, denn im Moment war es nur mein größter Wunsch, es rechtzeitig zur Toilette zu schaffen, bevor ich mich übergab (ich kotze gerne, wenn ich nicht mehr weiter weiß) und ich habe keine Scham zuzugeben, dass dieser Wunsch nicht immer in Erfüllung ging.
„Sage mir, was willst du tun mit deinem einzigen, wilden und kostbaren Leben?“, fragt die Dichterin Mary Oliver in einem ihrer Werke. Nun, im Moment, liebe Mary, sah es so aus, als würde ich am liebsten den ganzen Tag im Bett verbringen, während ich einen traurigen Frauenfilm nach dem anderen schaute und nur aufstand, um aufs Klo zu gehen. Ich sprach mit niemandem, außer mit meiner Mutter, die mir anhörte, dass es mir nicht gut ging und mich anflehte, nach Hause zu kommen, sowie dem Lieferdienst des chinesischen Restaurants, bei dem ich immer viel zu viel bestellte. Nach einiger Zeit wurde ich wirklich frustriert. Es ärgerte mich, dass selbst die fette Bridget Jones am Ende ihrer Geschichte einen Mann und einen Beruf hatte, der sie glücklich machte. Vielmehr ärgerte es mich aber, dass mich das chinesische Restaurant mittlerweile so gut kannte, dass sie meinen großen Bestellungen mittlerweile nur noch ein paar Essstäbchen beilegten. Sie wussten es. Alle wussten es.
Ich brauchte dringend Gesellschaft. So beschloss ich, meine Freundin Petra anzurufen und sie zu fragen, ob sie nicht zu mir kommen und einfach rumhängen wollte. Ich hatte Petra schon seit Monaten nicht gesehen, doch seit unserem letzten Treffen hatten wir beide unsere Studien aufgegeben und kamen uns mehr oder weniger nutzlos vor, also dachte ich, dass wir unsere Erfahrungen teilen und einander vielleicht Rat geben könnten.
Petra kam bei meiner Wohnungstür herein und sah völlig anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Ihr einst geglättetes, blondes Haar war nun rot und gewellt. Hippi-Hosen und Ponchos in Mustern, die an optische Täuschungen grenzten, ersetzten ihren klassischen, fast konservativen Kleidungsstil und eine locker um ihren Oberkörper geschwungene Leinentasche deutete an, dass sie nicht ohne Mitbringsel zu mir gekommen war. Das fand ich äußerst nett; zwar hatte sich Petra äußerlich verändert, doch war immer noch nett genug, um mir eine Kleinigkeit mitzubringen, wenn sie wusste, dass ich traurig war. Wir setzten uns in mein Wohnzimmer und sie stelle ihr Präsent auf den Kaffeetisch: es war eine ganze Tupperbox voll mit wuchtigen, betörend duftenden Brownies. Ich war überrascht. Petra war nie die Sorte Mädchen, die backen konnte, doch ohne lange nachzufragen, schnappte ich mir einen Brownie und sank meine Zähne in den Teig, der meiner Meinung nach aber ein bisschen zu bröslig war. Ich konnte gut darüber hinwegsehen, da Petra nunmal keine erfahrene Bäckerin war und lobte ihren Backversuch und die nette Trostgeste, die sie mir damit beschert hatte. Meine Freundin sah mir aufmerksam dabei zu, während ich ihren Brownie aß. Ich kannte diesen leicht diabolischen Blick, da ich ihn auch immer auf meine Freunde richtete, wenn sie eine meiner Kreationen kosteten, um zu wissen, was sie wirklich davon hielten (und um anzudeuten, dass sie nun ja nichts Falsches sagen durften). Nachdem ich fertig gegessen hatte, sagte Petra schelmisch grinsend: „Weißt du, in diesen Brownies sind insgesamt 10 Gramm drin.“
Ich fand es irgendwie eigenartig, dass wir nun schon über Rezepte sprachen, aber war gerne dazu bereit, meine Rezepte-Sammlung aus der Küche zu holen und meiner Freundin ein paar weitere Backideen für die Zukunft zu geben.
„Oh, 10 Gramm wovon denn?“, hakte ich nach. Meinte meine Freundin etwa Zimt? Denn Zimt hatte ich ganz sicher nicht herausgeschmeckt. Petra grinste. „Gras, Michael.“, sagte sie und in jenem Moment wurde mir einiges klar.
Ihr müsst wissen, liebe Leser, dass ich absolut keine Drogen-Person bin. Ohne es ja probiert zu haben, war ich eine Zeit lang absolut fasziniert von Marihuana, aber nur deswegen, weil ich diese Subkultur so interessant finde. Menschen denken sich Geheimsprachen, Geheimzeichen und vieles mehr aus, nur um geschützt über dieses Zeug reden zu können, wie in einer Geheimgesellschaft. Einmal, als ich noch ziemlich jung war, saß ich mit ein paar Freunden an einem Tisch in einem Lokal, als sie anfangen, sich über eigenartige Dinge zu unterhalten.
„Weißt du, wo man hier Ganja bekommen kann?“, fragte eine Freundin.
„Ja, dort oben auf den Stiegen. Aber hast du einen Grinder?“, konterte ihre Bekannte.
„Nein, aber vielleicht verkaufen sie ja fertig gedrehte Öfen.“
Ich hatte nicht nur eines, sondern gleich mehrere Fragezeichen über dem Kopf. Was war Ganja? War Grindr nicht eine iPhone-App für Homosexuelle? Und warum wollten sie im Endeffekt doch lieber einen Ofen kaufen, wo wir doch Sommer hatten? Nach einiger Zeit hegte ich jedoch einen leisen Verdacht.
„Oh, redet ihr etwa von Marihuana?“, fragte ich nach und erntete Blicke, als wären wir im Harry-Potter-Universum und ich hätte gerade „Voldemort“ statt „Du weißt schon wer“ gesagt. Ich verstand: Man durfte die Sache nicht beim Namen nennen.
Diese Geheimnistuerei finde ich äußerst spannend, wenngleich ich nicht am Drogenkonsum selbst teilnehme - auf eine ähnliche Weise, wie ich Geocaching spannend finde, obwohl ich es auch selten tue. Natürlich hatte ich einmal auf einer Party in Wien einen Zug von einem Joint gemacht und so laut gehustet, dass es vermutlich selbst meine Mutter im Burgenland gehört hatte. Daraufhin hatte ich beschlossen, dass dieses und ähnliche Rauschmittel nichts für mich waren (denn wirklich, wie könnte ich denn noch ausgelassener und offener werden?) und hatte das Thema ein für alle mal abgehakt.
Bis zu jenem Nachmittag, an dem ich unabsichtlich einen Pot-Brownie verschlang, der es ganz schön in sich hatte. Ich konnte gar nicht richtig böse auf Petra sein, da ich panisch auf die Wirkung des verhängnisvollen Gebäcks wartete. Wie ich es aus Filmen kannte, erwartete ich mir, jeden Moment den größten Spaß meines Lebens zu haben und alles irrsinnig witzig zu finden. Ich muss zugeben: Ja, ich freute mich irgendwie schon darauf - ich hatte die Abwechslung dringend notwendig. Doch weit gefehlt! Anstatt all meine Sorgen zu vergessen und stundenlang über mein eigenes Spiegelbild zu kichern, wurde ich nach und nach immer trauriger. Ich wollte einfach, dass Petra ging, damit ich alleine sein konnte und nicht so tun musste, als würde ich „The Simple Life“ im Moment genau so lustig finden, wie sie es tat. Der Tag war gelaufen, ich war für nichts mehr zu gebrauchen und ich wollte einfach schlafen.
Einen großen Vorteil hatte die Wirkung des Stoffes doch; im Gegensatz zu sonst warf ich meine Höflichkeit über Board und sagte Petra einfach, dass sie jetzt bitte gehen solle, da ich zurück ins Burgenland fahren musste.
Es stimmte - ich hatte bereits vor Tagen beschlossen, dem Rat meiner Mutter zu folgen und angekündigt, dass ich nach Hause kommen würde. Aus diesem Grund war ich umso angepisster, dass ich nun high (oder eher down) war. Petra verstand, packte ihr Gebäck ein und ging. Wie ein wildes Tier fing ich nun an, nach meiner Lektüre für den Zug, die mir in jenem Moment überlebensnotwendig schein, zu suchen. Vergeblich! Ich sah das Bücherregal dreimal durch und wurde äußerst wütend. So wütend sogar, dass ich auf Facebook ging und in einem zornigen Status behauptete, dass auf meiner letzten Party ein Literaturdieb in unserer Mitte gesessen haben muss und jeder, der an jenem Abend bei mir zu Gast war, offiziell als Hauptverdächtiger galt. Nachdem ich auf „Posten“ gedrückt hatte, fand ich das Buch neben meinem Laptop.
Nachdem ich eine Zugfahrt hinter mir hatte, bei der ich das Gefühl hatte, dass nicht nur jeder wusste, was ich getan hatte, sondern es obendrein der Zug-Polizei sagen würde, die daraufhin an Ort und Stelle meinen Urin untersuchen und ein für alle mal für Gerechtigkeit im Wagon sorgen würde, kam ich endlich (und mittlerweile in einem nahezu „normalen“ Zustand) zuhause an, erklärte meinen Eltern, dass ich sehr sehr müde war und ging dann ins Bett, um meinen unabsichtlichen Drogenkonsum auszuschlafen.
Im Bett jedoch konnte ich einfach nicht zur Ruhe kommen. Zu viele Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, da ich das Gefühl hatte, durch meine Freundin eine kleine Vorschau auf meine Zukunft erhalten zu haben. Ich hatte Pech im Studium, Pech in der Liebe, Pech in der Karriere und infolgedessen überhaupt keinen Plan von der Zukunft. Petra ging es genau so. War es also die nächste logische Schlussfolgerung, dass ich ein Stoner wurde, der, weil es „eh schon egal“ war, jeden Tag schon spätestens um 16 Uhr völlig high war und den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, auf seine Hände zu starren, weil er sie „abgefahren“ fand?
„Nein“, beschloss ich, „das werde ich nicht passieren lassen!“. Obwohl ich an jenem Tag völlig fertig war, fasste ich den wagemutigen Entschluss, mein Leben schon am nächsten Tag wieder in den Griff zu bekommen und endlich einen klar definierten Pfad in meine nun schon monatelang andauernde Planlosigkeit zu bringen.
Ich möchte nun in den Zeilen meines werten Blogs nicht so tun, als hätte sich allein mit diesem Entschluss mein ganzes Leben magischerweise geändert. Es reicht natürlich nicht, zu sagen, dass man ab jetzt ein besseres Leben führen wird, nur um bereits im nächsten Atemzug wieder im Bett zu liegen und die Nummer vom Lieferdienst des Chinesen zu wählen (ach, wem mache ich was vor? Ich habe sie natürlich auf einer Schnellwahltaste eingespeichert). Doch Schritt für Schritt fing ich an, etwas gegen meine Planlosigkeit zu unternehmen. Erst setzte ich mich in Vorlesungen anderer Studienfächer, um zu entscheiden, was ich als nächstes studieren würde. Dieser Rat sollte eigentlich offensichtlich sein, doch ich muss gestehen, keine einzige Theaterwissenschafts-Vorlesung besucht zu haben, bevor ich mein Studium anfing. Hätte ich das getan, hätte ich mich vermutlich schon damals gegen das Fach entschieden. Besonders bei einer Vorlesung mit großer Teilnehmerzahl fällt, wenn man sich mit Stift, Block und einem wissenden Blick ausgestattet dazuschummelt, niemandem auf, dass man eigentlich nicht dazu gehört. So hatte ich genug Impressionen, um darauf basierend eine Entscheidung zu treffen und werde bereits im März erneut zu studieren anfangen. Natürlich kann ich nicht garantieren, dass jenes Studium das beste Studium aller Zeiten sein wird, aber ich habe zumindest einen kleinen Eindruck davon, was mich erwarten wird und kann mich mental darauf vorbereiten.
In den darauffolgenden Wochen haben sich auch einige sporadische Arbeitsmöglichkeiten für mich aufgetan. Nichts so aufregendes wie ein Werbe-Testimonial für eine Bank, aber vielleicht ist das auch besser so. Die Leute in der Unterhaltungs-Branche sagen einem liebend gerne Dinge wie „Ja, machen wir doch was!“, „Das wird großartig, wir melden uns bei dir!“ und „Schau, ich schiebe dir meine Visitenkarte ins Gesicht! Iss sie!“, doch ich habe im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, dass diese Sätze genau so viel Bedeutung haben wie „Guten Appetit und vielen Dank für Ihren Besuch bei Burger King!“. Sie müssen das sagen, und dabei ist es ihnen egal, ob mir mein Double Whopper nun schmeckt oder nicht. Ich habe gelernt, mir in jener Hinsicht nie allzu viele Hoffnungen zu machen; stattdessen habe ich durch Zufall ein paar bodenständigere Anstellungen gefunden, mit denen ich mir nebenbei ein bisschen Geld verdienen kann. Ich kann davon bei Weitem nicht mein Leben finanzieren, aber bin dennoch völlig zufrieden mit meiner Beschäftigung, weil ich sie gerne mache. Endlich steige ich wieder voller Elan aus dem Bett, habe Spaß an der Arbeit, freue mich auf mein Studium und bin froh, dass meine depressive, planlose Phase langsam aber doch ihr Ende nimmt. Und soweit ich weiß, war Money Boy nie im Rennen um meinen momentanen Job.
Hello, Friends! Goodbye, Friends!
Es war einer der ersten Tage nach Weihnachten, als ich mich in einer langen Schlange vor der Kassa im Büchergeschäft wieder fand. Wie auch ich war vermutlich der Großteil der anderen Kunden da, um ein unerwünschtes Weihnachtsgeschenk umzutauschen. Im Gegensatz zu den anderen jedoch, war ich selbst derjenige, der es gekauft hatte und war gar nicht erst so weit gekommen, um das Präsent zu überreichen.
Als ich an der Reihe war, erklärte ich der Verkäuferin lächelnd, dass ich das Buch - die Biographie einer amerikanischen Komikerin - gerne umtauschen und mir stattdessen eine Gutschrift ausstellen lassen möchte. Die Frau nickte bereitwillig und nahm meine Ware entgegen, stellte dann jedoch eine Frage, mit der ich in diesem Augenblick nicht gerechnet hatte: „Warum willst du das Buch denn umtauschen?“.
Im ersten Moment war ich hoch empört von diesem Einbruch in meine Privatsphäre und wollte laut schreien, dass sie das überhaupt nichts angehe und sie mit so einer Einstellung bitte gefälligst gleich mein Grundstück verlassen solle. Dann jedoch erinnerte ich mich, dass sie diese Frage nicht nur stellen musste, weil sie eben Buchverkäuferin war, sondern wir uns zu alledem auch auf einem öffentlichen Grundstück, und nicht - wie vermutet - in meinem gemütlichen Loft, befanden.
So antworte ich, ohne viel darüber nachzudenken: „Ich habe dieses Buch für einen Freund gekauft, aber…wir sind keine Freunde mehr.“
Ich hielt geschockt inne. Es war das erste Mal, dass ich diese Worte laut ausgesprochen hatte und der erste Augenblick, in dem mir bewusst wurde, dass ich tatsächlich einen Freund verloren hatte. Ich, Michael Buchinger, der stets versuchte, mit allen Leuten in Harmonie zu leben. Ich, der ab und zu seine Freunde dazu zwang, Verträge zu unterschreiben, um unsere Freundschaft „offiziell“ zu machen - einen Freund verloren! Es schien mir wie ein Ding der Unmöglichkeit (und, nebenbei bemerkt, wie Vertragsbruch)!
Ich war noch immer ganz in meinen Gedanken vertieft, als mir die Frau einen einfühlsamen Blick zuwarf. „Ohje“ sagte sie, während sie die Ware entgegennahm und anfing, mir eine Gutschrift auszustellen. Ohje. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Ja, ich hatte zwar meinen Freund verloren, doch es war nicht der Untergang der Welt. So, wie wenn einem ein Ei herunterfällt, wenn man es gerade aus dem Kühlschrank nimmt. „Ohje!“, würde man vielleicht jauchzen, und dabei die Hände in die Luft werfen, doch mehr, als den Boden sauber zu machen und sein Leben weiterzuleben, könne man dagegen auch nicht unternehmen.
Ich nahm mit einem aufgesetzten Lächeln meine Gutschrift entgegen und verließ den Laden. Auf meinem Weg nach Hause machte ich mir noch einige Gedanken über Freunde und musste feststellen, dass ich eigentlich einen äußerst kleinen Freundeskreis habe. Sicher, ich habe dutzende oberflächliche Bekannte, die mich beim Ausgehen mit Küssen begrüßen und fragen, wie es mir geht, doch auf diese Frage keine andere Antwort als „Danke, gut! Und dir?“ dulden. Würde ich aber seufzen und kopfschüttelnd, den Blick schmerzhaft in die Ferne gerichtet, sagen „Um ehrlich zu sein: Nicht so gut. Ich habe schon seit drei Tagen fürchterlichen Durchfall, was damit zu tun haben könnte, dass ich mich die letzten Tage nur von Brownies ernährt habe. Es müssen sogar ganz sicher die Brownies sein, weil mir letzten Donnerstag beim Staubsaugen ein bisschen Kotze hochgekommen ist und sie bröselig war.“, würden sie in Windeseile weiterziehen und mich mit meinen Verdauungsproblemen alleine lassen.
Zu diesen oberflächlichen Freundschaften zähle ich auch die meisten meiner Facebook-Freunde. Einst habe ich sogar ein Video zum Thema Freundschaft auf Facebook gemacht und wurde aufgrund dessen für einen Preis nominiert. Man holte mich im Rahmen der Preisverleihung auf die Bühne des vollgestopften Festsaals, um mir - wie ich vermutete - einige brennende Fragen zu meiner Arbeit zu stellen - zum Beispiel: „Wer ist dein Lieblingsregisseur?“, „Welche ist deine bevorzugte Kameraeinstellung?“ oder „Warum ist dein Haar so fluffig?“. Doch nein, weit gefehlt! Die erste Frage, die mir auf jener Bühne gestellt wurde, war keine geringere als „Wie viele Freunde hast du auf Facebook?“.
Okay, ich muss zugeben, dass die Frage angesichts dessen, dass ich ein sozialkritisches Video über Facebook gemacht hatte, ziemlich angebracht war und ich eigentlich mit ihr hätte rechnen müssen. Aber nein, die einzige Antwort, die ich mir in Gedanken vorbereitet hatte, war „Nun, ich wasche es jeden zweiten Tag, aber der Trick besteht darin, nicht immer unbedingt viel Shampoo zu verwenden und es - unter vorsichtiger Verwendung einer Bürste - lufttrocknen zu lassen.“
So stand ich nun auf einer Bühne - alle Augen des Publikums auf mich gerichtet - und suchte nach einer Antwort. Die erste, dir mir einfiel, war natürlich die ehrliche: „2000 Freunde!“, sagte ich, weil das in jenem Moment in etwa der Wahrheit entsprach. Kaum hatten die Wort meinen Mund verlassen, kam ich mir wie ein kompletter Heuchler vor. Ich hatte also ein Video über die Oberflächlichkeit von Facebook-Freundschaften gemacht und dabei selbst mehr Freunde auf dieser Plattform, als in das Haus meiner Familie passen könnten. Cool. Das ist, als würde Al Gore, wenn er das Haus verlässt, alle Lichter einschalten, das Radio aufdrehen und den Wasserhahn laufen lassen, „damit die Einbrecher glauben, es ist jemand zu Hause“.
Kurz nach meiner Erleuchtung auf jener Bühne löschte ich mein Facebook-Profil, erstellte stattdessen eine Fan-Seite und legte mir einen Privat-Account für echte Freunde an. Dennoch habe ich auf jenem Account in etwa 200 „Freunde“. Eine Studie, von der ich letztens gelesen habe, besagt jedoch, dass wir im Laufe unseres Lebens in etwa 18 richtigen Freunden begegnen. Achtzehn! Diese Tatsache allein sollte uns Auskunft darüber geben, wie missbraucht der Begriff „Freund“ wird, seit es Social Neworking Plattformen gibt.
Was also unterscheidet einen Facebook-Freund von einem echten Freund? Ich denke, diesen Unterschied spürt jeder selbst, doch vielleicht kann ich ihn anhand eines kleinen Beispiels veranschaulichen: Vor einigen Monaten feierte ich meinen 19. Geburtstag. Ich bin wirklich kein großer Fan von Geburtstagen und wenn es sozial akzeptiert wäre, den Leuten einfach zu sagen, sie sollen mich an jenem Tag bitte in Ruhe lassen, während ich zuhause vor dem Spiegel sitze, Brownies esse und nach grauen Strähnen in meinem wallenden Haar suche, so würde ich das tun. Doch das ist es nicht und an jenem Morgen wachte ich daher auf, stieg aus dem Bett und warf nach meiner morgendlichen Routine einen Blick auf Facebook. Niemand meiner 200 Freunde hatte mir gratuliert. Niemand! Irgendwie war es ja egal, da ich nicht viel Wert auf ein oberflächliches „Alles Gute, [hier beliebigen Namen einfügen]!“ lege, doch andererseits ist es einfach eine nette Geste, an seinem Geburtstag eine kleine Nachricht von seinen Freunden zu erhalten. Kurz zog ich daher in Betracht, auf dramatische Weise die Vorhänge gleich wieder zu schließen, zurück ins Bett zu kriechen und meiner Mutter aufzutragen, sie solle mir eine Flasche Gin „gegen den Schmerz“ auf meinen Nachttisch stellen.
Dann jedoch fiel mir ein, dass ich vor geraumer Zeit mein Geburtsdatum auf privat gestellt hatte, sodass es niemand sehen konnte und mein Geburtstag deshalb nicht hervorgehoben wurde. Schließlich warf ich auch einen Blick auf mein Handy und musste feststellen, dass die wenigen Leute, die ich für echte Freunde hielt und mir daher wichtig waren, mir bereits allesamt auch ohne Facebook-Erinnerung geschrieben oder mich angerufen hatten. Mehr, als die Nachrichten dieser überschaubaren Anzahl an Leuten bedurfte es gar nicht, um mich an jenem Tag zufrieden zu stellen und mit einem Lächeln auf den Lippen entschied ich, das Bett an meinem Geburtstag doch nicht zu hüten.
Natürlich bedeutet das Vergessen eines Geburtstages nicht gleich das Ende einer Freundschaft; wenn dem so wäre, hätte ich - als notorischer Geburtstags-Vergesser - vermutlich überhaupt keine Freunde mehr und würde Tag ein, Tag aus alleine zuhause herumsitzen und ewig lange Blogeinträge verfassen. Oh, Moment mal…
Wie dem auch sei: Eine Freundschaft besteht für mich vielmehr aus Rücksicht und Respekt für den anderen. Wenn ich mich mit einem Freund treffe, ist es mir wichtig, zu erfahren, wie es ihm geht und was es Neues in seinem Leben gibt. Ich versuche, falls angebracht, mit meinem Rat zur Seite zu stehen. Jener Freund, dessen Geschenk ich umgetauscht hatte - nennen wir ihn mal Peter - hat mein offenes Ohr jedoch mehrmals auf grausamste Weise missbraucht (und nein, er hat nicht seinen Penis reingesteckt).
Wir haben uns zum Beispiel einmal an einem sonnigen Montagmorgen in einem trendigen Künstlercafé in der Innenstadt Wiens getroffen. Da ich Peter lange nicht gesehen hatte und er ein weitaus aufregenderes Leben führt, als ich, schien es mir nur logisch, dass er zuerst einen Schwank aus seinem Alltag erzählen sollte. Doch bei einem „Schwank“ blieb es nicht; zwei Stunden waren vergangen, in denen ich einem Monolog lauschte, ab und zu nickte und unterdessen in Gedanken versuchte, so viele Pokémon (samt ihrer Weiterentwicklungen) wie möglich aufzuzählen. Natürlich, am Anfang hatte mich Peters Geschichte noch wirklich interessiert, doch mittlerweile war in seinem Redefluss das Wort „Analvergewaltigung“ so oft vorgekommen, dass es für mich jegliche Bedeutung verloren hatte. Selbst, wenn ich es versuchte, kam ich hier nicht zu Wort. Es ist nicht, dass ich so gerne über mich selbst spreche, oder dass ich an jenem Morgen in jenem Café unbedingt anbringen wollte, dass ich endlich die Maus gefangen hatte, die mich seit Wochen tyrannisierte, indem sie in meine Schuhe kackte, aber da Peter nur über sich selbst sprach, bekam ich den Eindruck, als würde ihn gar nicht interessieren, wie es mir in seiner Abwesenheit ergangen war.
Sobald eine Freundschaft für mich mehr Arbeit, als Vergnügen wird, finde ich, dass man sie langsam beenden sollte. Ich hatte einmal eine Freundin - sie nennen wir heute Carla -, die mich ständig beleidigte. Früher war ich ein stärkeres Kind und kaum ein Tag verging, an dem seitens Carlas kein Witz über meine unvorteilhafte Figur fiel. Mein Übergewicht war ein wirklich wunder Punkt für mich und ich kränkte mich über jedes Kommentar darüber, sah das aber als Zeichen dafür, dass ich etwas an meiner Ernährung ändern sollte. So nahm ich endlich ab, doch kaum hatte ich das getan, war es zum Beispiel mein Kleidungsstil, den meine Freundin zu veräppeln wusste. Später machte sie sogar Witze über mein Untergewicht, was ich rückblickend betrachtet ziemlich ironisch finde.
Ich verstehe wirklich nicht, wieso sich manche Leute als „Freunde“ tarnen, nur um einen dann schlimmer zu beleidigen, als manche Feinde es tun würden. Sicher, ich hätte Witze über Carlas Akne machen oder endlich „Mit dieser Kappe siehst du aus wie eine Lesbe!“ sagen können, doch ich tat es nicht. Ich sage auch nicht, dass meine Freunde mich stets loben und niemals Kritik an mir üben sollen. Ich bin sogar überaus dankbar, wenn mir andere Menschen sagen, dass mein Hintern wieder einmal aus meiner Hose raushängt und ich daher wie ein Klempner aussehe, aber wenn ich mich nach einem freundschaftlichen Treffen schlechter und weniger selbstbewusst fühle als davor, ist eindeutig etwas faul.
Aus diesen und anderen Gründen empfand ich also, dass eine Weiterführung der Freundschaften mit Peter und Carla nicht allzu viel Sinn machte. Das war nicht weiter tragisch, da ich in beiden Fällen andere Freunde hatte, mit denen ich lieber Zeit verbrachte und ich den Kontakt zu den beiden ja nicht völlig abbrechen, sondern eben auf das Nötigste reduzieren wollte. Wie jedoch sagt man jemandem, dass man eine Freundschaft beenden und lieber „Bekannte“ sein möchte? Es ist doch nicht wie in einer Beziehung, in der man Schluss machen kann. Wie sagt man „Nein, Renate, ich möchte nicht mit dir auf die Wein- und Käse-Verkostung gehen und ich wünschte, du würdest meine Nummer verlieren.“ und bleibt dabei höflich? Das habe ich bis heute nicht ganz begriffen und es ist einer meiner größten Fehler. So sage ich stattdessen gezwungen freundlich „Oh ja, Renate, ich würde sehr gerne mit dir Wein und Käse verkosten!“, gehe widerwillig mit, nibble ein bisschen an Käse und trinke aus Frust über Renate, unsere zerbröckelnde Freundschaft und die Tatsache, dass ich es einfach nicht laut äußern kann, wenn ich keine Lust auf etwas habe, so viel teuren Wein, dass mich einige Gäste zum Taxi tragen müssen und mich der Veranstalter als „eine Schande für alle Genießer“ bezeichnet.
Hier würde ich mir gerne ein Beispiel an meiner Mutter nehmen. Mit mittlerweile fast 55 Jahren Lebenserfahrung weiß sie, dass Ehrlichkeit - auch, wenn sie anfangs wehtun mag - im Endeffekt die beste Lösung ist. So durfte ich letztens dabei sein, als eine Freundin sie anrief, um zu fragen, ob sie nicht mal gemeinsam ins Kino gehen wollen. Meine Mutter lachte laut ins Telefon. „Es ist lustig, dass du glaubst, uns würden die gleichen Filme interessieren.“, sagte sie und führte danach, obwohl sie gerade einen netten Vorschlag in den Wind geschlagen hatte, ein nicht minder freundliches Gespräch. Ja, sie war irgendwie gemein gewesen, aber immerhin ehrlich. Und manchmal ist ehrlich und dabei ein bisschen gemein sein besser, als auf alles „Ja“ zu sagen, um im Endeffekt nur einen weiteren Adam Sandler Film über sich ergehen zu lassen.
Hier besteht noch Raum für Verbesserungen. Mein großes Problem ist, dass ich immer will, dass mich die Leute in meiner Umgebung mögen. Ich mache Menschen gerne glücklich, sage auf vieles widerwillig „Ja!“ und tue dabei viel zu oft Dinge, die mich selbst unglücklich machen, um andere nicht zu enttäuschen. Doch was ist das Schlimmste, das passieren könnte? Wenn ein falscher Freund, den ich aus oben genannten Gründen einfach nicht mag, mich fragt, ob wir nicht einmal einen Café trinken gehen wollen, könnte ich natürlich „Ja“ sagen, weil ich finde, dass ich es ihm schulde. Wir könnten auf einen Café gehen und im schlimmsten Fall würde ich wieder einem Monolog lauschen, Beleidigungen über mich ergehen lassen, mich schlecht fühlen und dabei so oft heimlich die Augen verdrehen, bis sie irgendwann stecken bleiben.
Oder ich könnte mir ein Beispiel an meiner Mutter nehmen, aufhören, jener Person die Freundschaft vorzugaukeln und höflich „Nein!“ sagen, wenn ich wirklich keine Lust auf ein Treffen habe. Schlimmstenfalls könnte ich dadurch jene dysfunktionale und ohnehin schon zerbröckelnde Freundschaft auf eine einfache Bekanntschaft herabstufen. Um an dieser Stelle die Buchverkäuferin zu zitieren: „Ohje.“
Die Geschichte von Michaels sehr öffentlichem Outing
Ich saß gerade im Zug von Wien ins Burgenland, als ich wie so oft beschloss, mithilfe meines Handys meine Emails zu checken. Dieser Tage bekomme ich nicht sehr viel Post, mal abgesehen von den üblichen „Bekommen Sie einen größeren Penis in nur zwei Wochen“ und „Sexy Jungs in deiner Umgebung“-Mails, deren Anreißerzeilen, wie ich euch leider mitteilen muss, nicht ganz das versprechen, was sie anfangs vermuten lassen. Und so überraschte es mich umso mehr, eine Nachricht von einem neu gewonnen Zuseher zu erhalten. Bereits die ersten Zeilen seines Schreibens verwirrten mich so sehr, dass ich mich am Kopf kratzte und wünschte, ich hätte außerdem noch ein bäuerliches Strohhalm zwischen den Zähnen und ein falsch zugeknöpftes Holzfällerhemd am Leib, um meinem Image des verwirrten Jungen vom Land noch den letzten Schliff zu geben.
„Hallo Michael, tolle Videos hast du da, muss ich sagen! Ich habe von dir in einem Wirtschaftsmagazin gelesen!“, lauteten in etwa seine Worte. (Ja, ich mache hier einen auf Heinrich Böll und werde den tatsächlichen Namen der Zeitung nicht nennen)
Die besagte Zeitschrift ist ein Wirtschafts- und Finanzmagazin und somit eines dieser Objekte, deren Lektüre ich vermeide, da Wörter wie „Zinseszins“, „Inflation“ und vor allem „Sparen“ bei mir nicht nur zu Schweißausbrüchen, sondern zu regelrechten Panik- und Ohnmachtszyklen führen, aus denen ich nur befreit werden kann, indem man mir frische Banknoten vor die Nase hält und mir umgehend aus einem seichten Mädchenroman vorliest.
Zunächst hielt ich diese E-Mail für einen Scherz; so wie ich ihn mir ab und zu erlaube, wenn ich gegen 2 Uhr morgens im McDonald‘s zu besonders korpulenten, fremden Mädchen hintorkle und sage „Hey, du warst doch letztens am Cover der Maxim, oder?“.
Doch mein neugewonnener Zuseher manifestierte seine Aussage sogar, indem er mir die genaue Ausgabe und Seite meiner Erwähnung nannte, sodass für mich kein Zweifel mehr bestand, dass mein Name tatsächlich in den Seiten dieses Magazins zu finden war.
Ich! Michael Buchinger; der Junge, der unlängst einem Tankwart vier Euro Trinkgeld gegeben und dessen verwunderte Blicke mit den Worten „Oh, ich hasse Kleingeld!“ abgetan hatte. Der Junge, der heruntergefallene Münzen stets mit den Worten „Ist es kein Schein, lass es sein!“ liegen ließ! In einem Magazin, das Finanztipps gab! Es war sehr ironisch.
Sobald ich aus dem Zug ausgestiegen war, raste ich unter Missachtung aller Verkehrsregeln nach Hause und überraschte meine Eltern mit der frohen Botschaft. Diese zeigten sich äußerst erfreut und stolz über meine Nachricht und wir alle nutzten sie als gute Entschuldigung dafür, uns über die Maße mit Wein zu betrinken. Good times im Hause Buchinger!
Doch bereits am nächsten Tag wachte ich unsanft und verkatert in meinem Zimmer auf. Durch einen Knall auf meinem Schreibtisch wurde ich geweckt und bereits da hätte ich ahnen müssen, dass mir Unheil drohte. Meine Mutter ließ mich freundlich wissen, dass sie mir das Finanzmagazin besorgt hatte und ich darin ganz nebenbei in einem Satz erwähnt wurde. Das klang für mich nach fabelhaften Neuigkeiten, doch einem merkwürdigen Ton in ihrer Stimme entnahm ich, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein musste.
Ich würde ja gerne behaupten, dass ich total pflichtbewusst war und sofort aufstand, um eilig nachzulesen, was denn so schlimm war, doch ich muss dazusagen, dass ich zu dem gegeben Zeitpunkt Sommerferien hatte, also schlief ich zwei Stunden weiter, wälzte mich im Bett und schrak schließlich auf, als ein schrecklicher Albtraum, der die törichte Verwechslung eines stupiden Kellners von Cola Light mit herkömmlicher Cola zum Inhalt hatte, seinen kalorienreichen Höhepunkt nahm.
Völlig benommen wankte ich zu meinem Schreibtisch, biss erstmal genüsslich von meinem Frühstücksbrot ab und suchte dann nach dem entsprechenden Artikel. Er handelte von einem Journalisten, der netterweise im Laufe seines Interviews meine Videos erwähnte. Da der Name „Michael Buchinger“ wohl den wenigsten Finanz-Lesern etwas sagte, erklärte der Verfasser des Artikels: „Der bekennend schwule Schüler aus Eisenstadt hat mit seinem Werk ,Was wäre, wenn Facebook das reale Leben wäre‘…“. Und weiter las ich vorerst gar nicht, da ich mich bereits nach den ersten Worten an meinem Roggenbrot verschluckte. Von all den Adjektiven, die mich beschreiben können, wurde wieder einmal nur „schwul“ gewählt, als wäre das alles, was ich wäre. Als wäre diese Orientierung so außergewöhnlich, schlimm oder abnormal, dass man sie dezidiert erwähnen musste.
„Der bekennend deppate Schüler“, „der bekennend alkoholabhängige Schüler“, ja von mir aus sogar „der bekennend in der Damenabteilung einkaufende Schüler“ wäre mir lieber gewesen, als diese meiner Meinung nach überflüssige und irgendwie negativ klingende Beschreibung meiner Person, die mir nur um ein weiteres Mal ins Gesicht knallte, dass ich eben doch nicht so normal war, wie ich mir immer wieder einzureden versuchte. Ich fühlte mich wie am Schulhof, als jemand mit Kreide auf den Asphalt „Michael ist schwul“ geschrieben hatte. Doch anstatt dem Asphalt eines kleinen, burgenländisches Vorortes war es nun ein österreichisches Printmedium mit 80.000 Auflagen.
Bevor jemand glaubt, ich sei hier nicht zufrieden mit meiner Sexualität: Ich hatte mich schon vor Jahren damit abgefunden, dass ich schwul war und finde es auch nicht weiter schlimm. Ich denke wirklich nicht, dass jener Journalist homophobe Absichten hatte, doch für mich hat dieses besonders hervorgehobene „Du bist schwul!“ aufgrund meiner Erfahrungen leider immer negative Konnotation. Aber um mein Problem besser auszudrücken, sollte ich diesen Satz vielleicht (mit einer Annahme, die ich nicht wirklich hinterlegen kann, aber hey; das ist Journalismus!) anders formulieren:
Ich denke wirklich nicht, dass jener bekennend heterosexuelle Journalist homophobe Absichten hatte.
Seht ihr? Das ist überflüssig, unwichtig und schubladendenkend.
Zugegeben komme ich mir ein bisschen blöd vor, mich über so eine Kleinigkeit zu ärgern, da trotz dieser merkwürdigen Formulierung die Freude darüber, dass ich überhaupt in einem Magazin erwähnt wurde, überwog. Und so dachte ich mir nicht viel mehr dabei, schlug die Zeitung zu und widmete mich wieder meinem Roggenbrot - vermutlich mit der gleichen naiven Unwissenheit, mit der Abraham Lincoln „Oh, ich bin sicher, es wird ein tolles Theaterstück!“ gesagt hat.
Einige Tage später begrüßte ich meine Eltern, als sie nach einem Wochenende in der Steiermark wieder nach Hause kehrten. Die Finanz-Affäre war für mich mittlerweile schon wieder in Vergessenheit geraten und so gesellte ich mich zu meiner Mutter und meinem Vater an den Esstisch, da es uns zur Tradition geworden war, dass wir immer, wenn wir alle drei an diesem Tisch versammelt waren, gemeinsam Weißwein tranken, bis der erste von uns bewusstlos wurde. So setzte ich mich mit meinem Glas und einen „Komm schenk mir ein“-Blick an den Tisch und war bereit, einigen Geschichten des elterlichen Ferienwochenendes zu hören. Stattdessen aber kündigte mein Vater an, dass er mit mir reden müsse. Sofort wurde mir ein wenig unwohl und aus irgendeinem Grund dachte ich „Oh mein Gott, es geht um Drogen!“.
Ich möchte hier anmerken, dass ich keine illegalen Drogen nehme und auch keinerlei Erfahrungen habe, die mit diversen Halluzinogenen in Verbindung gebracht oder gegebenenfalls nicht mit dem Satz „Ich dachte, es wäre eine Zigarette.“ aus der Welt geschaffen werden konnten. Jedoch konnte „Ich muss mit dir reden“ für mich nur drei schreckliche Dinge bedeuten. Entweder
mein Vater wollte mit mir Schluss machen
mein Vater war schwanger
mein Vater bezichtigte mich des Drogenkonsums
Unter diesen Umständen schien mir Variante c) natürlich am plausibelsten und ich machte mich auf eine Standpauke darüber gefasst, dass selbst schon ein kleiner Zug Marijuana als Sprungbrett für Abhängigkeit, Kontrollverlust und eine Kellerwohnung ohne Fenster aber dafür mit reichlich Videospielen dienen konnte.
Aber nein, stattdessen sagte mein Vater etwas völlig anderes.
„Ich habe den Artikel über dich in der Finanzzeitschrift gelesen.“
Oh ja, das. (Im Übrigen finde ich es zum Brüllen, dass, ausgehend von dem kleinen Satz über mich, aufgrund seiner kessen Aussage plötzlich scheinbar der ganze Artikel von mir handelte. Wenn wir uns alle noch mehr hineinsteigerten, würde die Zeitschrift schon bald „M - das Michael Buchinger Magazin“ heißen und alle Artikel nurmehr von mir handeln.)
Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen, machte mein Vater mir klar, welche Nachteile ein Outing solchen Ausmaßes seiner Meinung nach mit sich bringen könnte. Er sorgte sich, nicht jeder könne so offen und akzeptierend sein wie meine Freunde und Verwandten und mir daher ein hartes Leben bescheren. Einem Outing im großen Stil sei daher abzuraten. Kurz wollte ich nachhaken, ob 80.000 Auflagen denn jetzt als „großer Stil“ galten, sagte aber vorerst einmal nichts, da ich die soeben aufgenommene Information erst einmal verarbeiten musste.
Für mich war die Aussage meines Vaters eine äußerst paradoxe. Einerseits akzeptierte er mich so, wie ich bin, wollte aber andererseits nicht, dass ich mich einer breiten Masse outete, was irgendwie schon wieder ein Widerspruch in sich war.
Ich möchte in den Zeilen meines Blogs auch nicht so tun, als sei ich mit starrer Miene am Esstisch gesessen und habe still den Erzählungen meines Herrn Papa gelauscht. Nein, dies ist Michaels kleines Tagebuch der Schande und ich habe euch schon viele Schmuddelgeschichten und Tiefpunkte meines Lebens anvertraut, also werde ich auch nicht verheimlichen, dass ich eventuell die ein oder andere Träne gerührt habe. Bei mir ist Weinen jedoch nicht immer als Zeichen der Trauer zu deuten und wer mich schon mal weinen gesehen hat, kann dies bezeugen. Weil ich so selten weine, bin ich immer äußerst überrascht, wenn ich doch einmal eine Träne rühre. Diese Überraschung artet bald in Freude aus und dann kann es schon passieren, dass ich leicht zu lächeln beginne, wie auch an diesem Abend. Irgendwann fällt mir dann auf, wie paradox diese merkwürdige Weinsituation ist und so fange ich an, herzhaft zu lachen, während ich immer noch weine, was zugegebenermaßen ein bisschen eigenartig ist. So saß ich am Tisch und weinte, schmunzelte und lachte (wirklich, man möchte meinen, meine Eltern wären Schauspielagenten und ich wollte ihnen mein umfangreiches Repertoire an Emotionen innerhalb von 30 Sekunden vorführen), bis ich mich mit meinem Vater freundschaftlich darauf einigte, dass ich eben doch total geoutet leben wollte und wir eben verschiedener Meinungen waren.
An diesem Abend machte ich mir noch lange Gedanken über das Thema Outing. Warum war es für mich denn eigentlich so wichtig, geoutet zu sein? Geht es bei der Sexualität denn nicht, wie der Name vermuten lässt, eigentlich nur um Sex, also um etwas, über das man sowieso nicht in der breiten Öffentlichkeit sprechen sollte? Warum sich dann outen? War es nicht ich, der einst gesagt hatte, dass Sexualität nicht so wichtig wäre?
Nachdem ich lange über diese Fragen gebrütet hatte (und dabei zugegebenermaßen kurz eingeschlafen war…es war ein langer Tag) erlebte ich in den frühen Morgenstunden schließlich etwas, das Oprah liebevoll einen „Aha-Moment“ nennen würde, bevor sie jeder einzelnen Person im Publikum einen Audio G6 schenken würde: Nein, Michael, in einem geouteten schwulen Leben geht es nicht nur um Sex, sondern vielmehr um Beziehungen und die Bindung zu einer anderen Person, die sich nicht unbedingt nur auf das Schlafzimmer beschränken muss! Denn wenn ich zum Beispiel mit meinem Freund im Park spazieren gehe und dabei meinen Onkel treffe, will ich meinen Freund nicht als „ein Freund von mir“ vorstellen, genau so wenig, wie ich meinen Onkel als „merkwürdiger Mann, der alleine im Park spaziert“ vorstellen möchte. Das wäre ein absurder Parkausflug. In der Beziehung möchte ich einfach so sein, wie alle anderen und meinen Freund auch öffentlich als solchen bezeichnen dürfen.
Ich habe lange mit Freunden über dieses Thema gesprochen und habe mir sagen lassen, dass ich seit meinem Outing um einiges selbstbewusster bin. Ohne hier zu tief in die psychologische Spielzeugkiste zu greifen, gab es eine lange Zeit, in der ich mir versuchte einzureden, dass ich nicht schwul bin. Ich war ein totaler Außenseiter und überhaupt nicht selbstbewusst, da ich mir meiner Sexualität und daher meiner selbst nicht bewusst war (aha, ein Wortspiel!). Erst, seit ich mich selbst akzeptiert habe und seit meinem Outing auch weiß, dass die meisten meiner Freunde und Verwandten das auch tun, gehe ich selbstbewusst (zu selbstbewusst, wie manche sagen, wenn sie mich mal wieder in meinen zu engen Hosen und meinem goldenen Mantel durch Eisenstadt fegen sehen) durchs Leben. Um ein weiteres Mal bin ich auch in dieser Hinsicht wie Voldemort: Ähnlich, wie der dunkle Lord durch seine Horkruxe an Kraft gewinnt, wird Michael Buchinger stärker, indem er ehrlich zu sich und seinen Mitmenschen ist und als geouteter Schwuler lebt.
Ich möchte hier nicht zu revolutionär klingen, aber wie ja sicher bekannt ist, gibt es nach wie vor noch immer Diskriminierung gegen Schwule und Lesben und wenn ich einen Forinth hätte für jedes Mal, als ich gemobbt wurde, hätte ich verdammt viele Forinth, von denen ich mir in Österreich aber vielleicht gerade mal eine Leberkässemmel kaufen könnte. Wie dem auch sei: Ich finde, dass jeder geoutete Schwule dazu beiträgt, Homosexualität verbreiterter, gesellschaftlich akzeptierter, ja sogar „normal“ zu machen. Indem ich und andere offen mit unserer Homosexualität umgehen, und sie nicht verheimlichen, wenn wir darauf angesprochen werden, uns aber - zum Beispiel in meinem Fall - nicht ständig mit einem aufdringlichen „Hallo, ich bin Michael und bekennend schwul!“ vorstellen, können hoffentlich andere sehen, dass Schwulsein nicht sonderlich außergewöhnlich ist und daher nicht stets dezidiert hervorgehoben werden muss. Ich kann nur hoffen, dass ein gewisses Finanzmagazin eines Tages auch zu dieser Einsicht kommt.
Brühwarme Michael-Neuigkeiten!
Liebe Leser!
Ich weiß, dass es auf meinem Blog in letzter Zeit irrsinnig ruhig zugegangen ist und ich kann sogar behaupten, dass ich eine ausgezeichnete Entschuldigung dafür habe! Einerseits habe ich nämlich daran gearbeitet, meine Adele-Imitation zu perfektionieren: http://vimeo.com/32456849
Und andereseits schreibe ich jetzt eine Kolumne bei einem neuen Magazin - FAUX FOX -, das Anfang 2012 erscheinen wird. Ich werde diesen Blog auf keinen Fall vernachlässigen (weitere Schmuddelgeschichten sind in Arbeit!), aber es wäre mir sehr geholfen, wenn ihr folgende Seite auf Facebook liken könnt und all euren Freunden (auch den imaginären!) davon erzählt, damit die ganze Welt weiß, dass Michael eine Kolumne schreibt! Und dann werde ICH König sein!
http://www.facebook.com/pages/FAUX-FOX-Magazine/259580720752380
Vielen Dank und bis bald,
euer Michael
PS: Was habe ich gehört? Wenn man Faux Fox liked, könnte es eventuell etwas Michael-Buchinger-mäßiges zu gewinnen geben? Ohohoho. Immer diese Gerüchte!